Mir gelang es trotzdem,
einen Fladen zu stibitzen und ich trollte mich mit meiner Beute nach draußen.
Ich lehnte mich gegen die Hauswand und betrachtete die untergehende Sonne
und fing an, mit offenen Augen zu träumen. „Hab
ich dich schon wieder beim faulenzen erwischt“ hörte ich den dröhnenden
Bass meines Stiefvaters „du und dein fauler Bruder fressen mir die Haare
vom Kopf, glaubt nur ja nicht, dass ich euch nur einen deut besser als die
Sklaven behandele, nur weil eure Mutter kurzzeitig mein Weib war“. Keine
drei Wochen war es her, dass wir sie zu Grabe getragen hatten, gestorben
im Kindbett und mit ihr meine neugeborene Stiefschwester. Seit drei Jahren
lebten ich und mein Bruder Thoralf nun unter der Fron unseres Stiefvaters,
seit unser gemeinsamer Vater von seiner Wikingfahrt nicht zurückkehrte
und meine Mutter notgedrungen wieder heiratete, um nicht mit uns zu
verhungern. Jetzt wo sie tot war hielt mich nichts mehr hier, auch wenn
der Hof im Oslofjord unser eigenes Land war. Thoralf und ich hatten
beschlossen, zu unserem Onkel Ingolf nach Birka zu gehen, dort würden wir
es alle Mal besser haben als hier. Heute Nacht werden wir gehen aber wir
kommen wieder, wenn....
„Thoranor, hilfst du mir
mal kurz den Brunnen zu enteisen, wir brauchen Wasser für die Tiere“
riss mich die Trondes Stimme aus meinen Tagträumen. Natürlich, der immer
praktisch denkende Tronde dachte ich und fasste grinsend mit an. In der
Kammer neben dem Stall fand ich Lane über ihren Kasten mit getrockneten
Kräutern gebeugt, emsig zerstieß sie aromatische Kräuter in einem Holzmörser.
„Na, was gibt das denn Gutes, wenn es fertig ist“ wollte ich von ihr
wissen. „Mein bester Kräutertee gegen Erkältungen“ antwortete Sie
„Willst du auch welchen ?“ „Nein Danke fürs Angebot aber noch fühle
ich mich gesund“ antwortete ich und dachte dabei an ihre drei
verstorbenen Gatten....
Mein Träume in dieser Nacht
führten mich erneut zurück in die Vergangenheit. Nach unserer geglückten
Flucht vor unserem verhassten Stiefvater kamen wir nach mehrwöchiger
Wanderschaft halbverhungert auf dem Hof unseres Onkels in Birka an. Der
wollte uns, nachdem er uns zunächst stürmisch begrüßt und danach verköstigt
hatte, sofort zu unserem Stiefvater zurückschicken. Die nur schlecht
verheilten Peitschennarben auf Thoralfs und meinem Rücken belehrten ihn
aber rasch und er schwor, das wir bei ihm bleiben können und er für uns
sorgen würde, wie für seine eigenen Kinder. So verbrachten wir die
folgenden Jahre auf dem Hof unseres Onkels, lernten den Umgang mit Waffen
und Bogen aber auch den schwierigeren Gebrauch von Tinte und Feder beim
erlernen der Runenschrift und einfacher Mathematik. Mit 14 Jahren
begleitete ich meinen Onkel auf eine mehrmonatige Handelsfahrt zu den Rus
und Petschenegen, in den folgenden Jahren reisten wir über die Nordmeere
bis nach Grönland und über die südlichen Meere bis nach Byzanz. Überall
handelten wir mit allen und jedem, wenn dabei nur ein guter Gewinn zu
erzielen war. Nur eines taten wir nie, obwohl uns dafür eine Leidenschaft
nachgesagt wird – wir gingen nie auf den Viking. Onkel Ingolf meinte
dazu, als wir eines Winterabends mit leuchtenden Augen den Versen eines
reisenden Skjalden gelauscht hatten, welcher die Heldentaten des Erich
Blutaxt bei der Plünderung Brimums besang „Ein ehrloses Handwerk,
welches nur den Neiding reich macht, denn nur in der Übermacht getrauen
sich diese „Helden“ auf den Strandhieb“ – Odin wird solche Schlächter
in Walhall sicherlich nicht willkommen heißen“. Wir fragten niemals
wieder und erlernten so das Handwerk eines fahrenden Händlers. Als
Thoralf 20 wurde schickte er Ihn zu seinem Bruder nach Byzanz und mich ein
Jahr später zu einem befreundeten Händler nach Haithabu. Dort traf ich
eines Abends auf Arnulf, Björn und Tronde, die sturzbetrunken in einer
verrufenen Schänke im Hafenviertel saßen. Vor der Schänke waren ihre
lauten Stimmen und Gelächter zu hören, dann flog ein fetter Mann mit Getöse
durch die geschlossenen Fensterladen auf die Strasse. Mühsam rappelte er
sich auf und schleppte sich zurück in die Schänke – nur um Augenblicke
später wieder durch das Fenster auf die Straße zu fliegen. „Guter
Mann“ sagte ich zu dem Beleibten „Ihr seht doch, dass ihr in dieser
Schänke nicht wohl gelitten seit – warum versucht ihr also immer wieder
hinein zu gelangen ?“ Der blutende und vom Kot auf der Straße
verschmutzte antwortete „Weil ich der Besitzer dieser Schänke bin“
und trollte sich hinein. Ich gesellte mich zu den lachenden Gesellen und
gemeinsam beförderten wir den Wirt ein drittes Mal aus dem Fenster – so
begann meine Freundschaft mit Arnulf, Björn und Tronde und am nächsten
Morgen beschloss ich, mich ihrem „Berlicumer Marketendertross“
anzuschließen. Wir zogen mit unseren Packtieren und Wagen von einen Ort
zum anderen – handelten auf den Märkten, schlugen uns zuweilen mit Räubern
und Wegelagerern und genossen es, jung und frei zu sein. Vor
nicht einmal sechs Monaten zog unser Tross die Küstenstraße von Birka
nach Lund hinunter. Eines Morgens, wir jagten Kleinwild im Wald unweit der
Küste, geschah etwas, was mein Leben seither gründlich verändert hat.
Ich hörte ein Geräusch im Wald, blickte mich um und fand eine junge
Frau, welche sich mit einem Fuß in einer Wurzel verfangen hatte und
gestolpert war.. Mit wenigen Schritten war ich bei ihr und half ihr wieder
auf die Beine. Sie schaute mich mit großen Augen an – und seither bin
ich ihr verfallen. Ihr Name ist Aleke Ortrunsdottir, sie lebt mit ihrem
Sohn Falko in einer Höhle im Wald seitdem sie von der Sippe ihres
verschollenen Mannes aus Neid und Habgier vertrieben wurde. Wir
begleiteten sie zu ihrer Unterkunft, einer von außen unscheinbaren Höhle,
die im Inneren warm und behaglich ausgestattet war. Wir beschlossen, hier
ebenfalls unser Lager aufzuschlagen und ehe wir uns versahen, war bereits
eine Woche vergangen. Am nächsten Morgen fragte ich Aleke, ob sie und ihr
Sohn nicht unserem Tross beitreten wollten – sie sagte ja und kurz
darauf wurde sie meine Frau. Ein
kalter Luftzug an meinen Beinen weckt mich aus meinem Schlaf – Aleke hat
wieder die ganze Wolldecke zu sich gezogen – vorsichtig erobere ich
meinen Teil der Decke wieder zurück und rücke nahe an ihren warmen Körper
heran.