Noch einen Augenblick lang sahen sich die Eindringlinge
mit grimmigen Gesichtern nach übriggebliebenen Feinden um. Dann aber wich
die Anspannung einer wilden Freude über den Sieg. Brüllend schlugen sie sich
gegenseitig auf die Schultern und Köpfe. Einer entfachte das Feuer an der
Kochstelle. Kaum brannten die Scheite, entdeckten die Fremdlinge im hinteren
Teil des Gebäudes die zusammengedrängte Schar der Frauen und Kinder. Sofort
wurde das Johlen noch lauter, und aufgestachelt von der Hitze des Kampfes
machten sich die Männer auf, von den Frauen Besitz zu ergreifen.
Voller Entsetzen sah Silja, die jüngere Tochter des Großbauern, einen
hochgewachsenen Mann mit fransigem Bart auf sich zukommen. Zusammen mit
ihrer Schwester Dunja hatte sie die Frauen und Kinder in den hinteren Teil
des Raumes befohlen, in der verzweifelten Hoffnung, von den grausamen
Eindringlingen nicht entdeckt zu werden. Doch nun gab es keine Hoffnung
mehr.
Der Bärtige
packte sie und wollte sie sich gerade über die Schulter werfen, als
plötzlich ein dunkler Ruf ertönte: „Arnulf!“. Der Bärtige zögerte und drehte
sich um. Vor ihn trat ein breitschultriger junger Mann mit dunklen Augen und
einer Wunde am Kopf. Er redete auf den Bärtigen ein, wobei er mehrfach auf
die Slawin deutete, bis dieser das Mädchen vor die Füße des anderen stieß
und schulterzuckend davon ging. Der Breitschultrige trat jetzt zu Silja
heran und sah ihr in die Augen. Sie erschrak, ihr war als hätte sie diese
Augen schon einmal gesehen...
Es war am Tage
vor dem Überfall gewesen, als zwei fremde Männer durch das Dorf kamen. Der
eine sprach ein gebrochenes Slawisch, während der andere mit wachen Augen um
sich schaute. Sie fragten nach dem nächstgelegenen Markt, ohne jedoch
zunächst über sich irgendeine Auskunft zu geben. Jaroslaw, der immer und
überall ein gutes Geschäft witterte war daraufhin neugierig geworden. Er lud
die Männer zu einem Krug Bier ins Haus und versuchte ihnen ihr Geheimnis zu
entlocken.
Das gelang ihm
dann schneller, als er zunächst geglaubt hatte: Die beiden Nordmänner hatten
sich anscheinend nach einem Handstreich gegen ein nahegelegenes Kloster mit
ein paar Kleinodien von ihrer Truppe abgesetzt und wollten diese nun so
schnell wie möglich loswerden, um den Gewinn in die eigene Tasche zu
stecken.
Jaroslaw wusste
nicht, ob er den Männern Glauben schenken sollte, doch dann zog der eine
tatsächlich einen kleinen goldenen, mit einem blau schimmernden Saphir
besetzten Ring aus der Tasche. Offensichtlich wollte er ihn wirklich schnell
loswerden, bevor seine Kumpane merkten, dass er sie hintergangen hatte.
Gern hätte
Jaroslaw dem Mann den Ring abgekauft, denn er suchte noch nach einer schönen
Beigabe zur Mitgift für seine älteste Tochter, doch dieser nannte einen sehr
hohen Preis. Zwar hatte der Großbauer kürzlich bei einem durchreisenden
Händler allerlei Lebensmittel, Tonwaren und Tuch gegen Silber getauscht,
doch was er auch an Silber bot, der Fremde ließ sich nicht umstimmen.
Während die
Männer noch am Feuer saßen, kam Silja herein, um die Bierkrüge nachzufüllen.
Sie sah den Ring und sie sah in die Augen des einen der beiden Männer. Es
waren dieselben Augen in die sie jetzt blickte, die Augen des Mannes, der
ihren Vater erschlagen, aber fast im gleichen Atemzug sie vor großer Schande
bewahrt hatte und der jetzt mit blutverschmiertem Schwert vor ihr stand.
Noch bevor die
ungebärdige Horde sich vollends der Frauen und Mädchen bemächtigen konnte,
ertönte plötzlich eine laute Stimme. Dem Anführer der Truppe passte
offensichtlich das wilde Gebaren seiner Leute nicht. Für einen kurzen Moment
entbrannte zwischen ihm und einem der anderen Kämpfer eine hitzige
Diskussion, in deren Ergebnis aber die Männer letztendlich und gegen ihren
Willen von den Frauen abließen. Während Einige bei den Frauen und Kindern
blieben, um sie zu bewachen, begannen die anderen alles im Haus und auf dem
Hof nach wertvollen Sachen zu durchwühlen. Sie wurden fündig, hatte doch der
leichtgläubige Jaroslaw tags zuvor nur allzu sehr mit seinen Silberschätzen
geprahlt.
In großer Eile
wurde nun alles zusammen getragen und getrieben: Lebensmittel, Wertsachen,
Menschen und Vieh. Anschließend zündeten die Männer Hof und Hütten an und
begannen ihre Beute in Richtung Meer zu schleppen. Der Breitschultrige hatte
sich Silja auf die Schultern geladen, die sich nur noch schwach wehrte und
trug sie mit sich fort. Er bemerkte die Blicke der anderen Krieger, die ihn
sahen und nur verwundert die Köpfe schüttelten, nicht.
Die Überfahrt
Seit 10 Tagen
nun schaukelte das Langschiff über die aufgewühlte See. Silja hockte in
einer Nische in der Nähe des Mastes. Sie fühlte sich sterbenselend und
dämmerte nur vor sich hin. Im Gegensatz zu den anderen Gefangenen war sie
nicht gefesselt, doch das machte ihre Lage nicht unbedingt leichter. Obwohl
sie die Sprache der fremden Männer nicht verstand, hatte sie doch
mitbekommen, dass es wegen ihr an Bord schon zu schweren
Auseinandersetzungen gekommen war. Insbesondere zwischen ihrem Retter, den
alle Björn nannten, und einem älteren grauhaarigen Mann, dessen Züge eine
seltsame Ähnlichkeit mit Björn zeigten, war es zu harten Diskussionen
gekommen. Sie wusste, dass ihr Schicksal nur davon abhing, welcher von
beiden sich letztendlich durchsetzen würde.
Doch mehr noch
als ihre eigene Lage, bedrückte sie die Situation ihrer Schwester und der
anderen Gefangenen. Zweifelsohne sollten sie auf dem nächsten Sklavenmarkt
verkauft werden und mit großer Sicherheit hatte der fremde Anführer seine
Männer auch nur deshalb zurückgerufen, als sie sich der Frauen bemächtigen
wollten. Jungfrauen erzielten in der Regel einen höheren Preis. Wenn es auch
nur irgendetwas genützt hätte, so hätte Silja sofort ihr Leben hergegeben,
um das der anderen zu retten. Doch sie konnte nichts tun. Wie jeden Abend,
so kam auch diesmal Björn zu ihr und bot ihr Essen und Trinken an. Doch sie
ertrug es nicht, auch nur an Essen zu denken, während Dunja und die anderen
Gefangenen hungern mussten. Trotzig erhob sie sich schwankend und wankte
hinüber zu den Gefangenen. Sie hatte einen Entschluss gefasst: Eher wollte
sie sterben, als noch länger die Schmach ihrer Landsleute mit ansehen zu
müssen. Björn seufzte nur traurig und schüttelte den Kopf. Hinten am
Steuerruder jedoch stand der alte Bern und lachte dröhnend.
Die Nacht hatte
Silja im ruhelosen Halbschlaf verbracht. Ihre Sinne waren getrübt, ein
dumpfer Druck lag auf ihrer Stirn. So glaubte sie fast, sich getäuscht zu
haben, als sie eine leise Stimme neben sich hörte. Neben ihr rührte sich
Dunja. Die Schwester sah sehr mitgenommen aus. Ihre Haare waren verklebt,
ihre Lippen geschwollen und aufgeplatzt. Mühsam formten sie Siljas Namen.
„Sei still, Schwesterchen“, flüsterte Silja, „Du bist zum Reden zu schwach.“
Doch Dunja schwieg nicht. „Hör zu, Schwesterchen, was ich Dir sage. Ich bin
die Ältere von uns beiden und Du wirst auf mich hören.“ Sie machte eine
Pause und schloss die Augen. „Ich werde sterben. Aber Du sollst leben. Ich
habe das heute Nacht geträumt.“ „Dunja, was redest Du da!“ fragte Silja
entsetzt. Der in der Nähe schlummernde Wachposten rührte sich. Dunja hob den
Blick und sah Silja an. Plötzlich waren ihre Augen ganz klar und ihre Stimme
deutlich, wenn auch schwach: „Ich träumte, wir wären zwei Tauben, ich eine
graue und Du eine weiße. Wir flogen im Schwarm mit den anderen. Plötzlich
kamen zwei Adler und stießen auf uns nieder. Der eine der Adler fing mich,
doch bevor ich starb, sah ich noch, wie Du Dich in einer Felsspalte
verstecken konntest. Der zweite Adler landete davor und versuchte, Dich mit
seinem Schnabel zu erreichen. Doch plötzlich kam ein Bär und verscheuchte
den Adler.“ „Aber Dunja, ein Bär ist doch nicht minder schrecklich für eine
Taube als ein Adler!“ flüsterte Silja, doch Dunja schüttelte den Kopf. „Du
kannst mir glauben, dieser Bär war es nicht. Er hat Dich gerettet. Halte
Dich an den Bären.“ Dann schloss sie wieder die Augen und schwieg.
In der
folgenden sternenklaren Nacht starb Dunja, ohne noch ein weiteres Wort zu
sagen. Silja hatte keine Tränen mehr, sie starrte mit leeren Augen in den
Nachthimmel. Ohne sich dessen bewusst zu sein, erfassten ihre Blicke das
Sternbild des großen Bären. Dunjas letzte Worte kreisten durch ihren Kopf
und wurden zu gaukelnden Bildern. Was nur sollten sie bedeuten? Sie fühlte,
dass auch sie dem Tode nahe war und sie wollte sich nicht mehr wehren. Dort
hin zu den unendlich weiten Sternen wollte sie ihre Seele fliehen lassen.
Doch plötzlich sah sie die Sterne nicht mehr. Björns breite Gestalt stand
vor ihr und er beugte sich zu ihr herab. Da durchfuhr sie wie ein feuriger
Schauer die Erkenntnis, und dabei wusste sie noch nicht einmal, dass Björn
in der Sprache der Nordmänner „Bär“ hieß.
Die Ankunft
Gegen Mittag
des darauffolgenden Tages legte das Schiff im Hafen einer großen
Handelsstadt an. Hier also wollten die Nordmänner ihr Raubgut und die
Sklaven verkaufen. Noch einmal versuchte Silja verzweifelt, das Schicksal
ihrer Landsleute zu teilen. Doch diesmal wurde sie barsch von Björn
zurückgehalten und in den hintersten Winkel des Schiffes gepfercht. Wohl
spürte Silja seine große Sorge, ihr könne etwas zustoßen und schließlich
fügte sie sich. Die Wache auf dem Schiff übernahm Arnulf, der Bärtige, der
zunächst Silja sich hatte zu eigen machen wollen. Doch während der Überfahrt
hatte sie herausgefunden, dass ihn mit Björn eine enge Freundschaft verband.
Solange Arnulf wachte, konnte sie sicher sein.
Insgesamt drei
Tage lag das Schiff im Hafen, dann war das Raubgut verkauft und das Schiff
mit wertvollen Waren schwer beladen. Die Mannschaft hatte ausgiebig gezecht
und sich mit den Huren des Ortes vergnügt. So konnte man gut gelaunt den
Heimweg antreten. Dennoch herrschte nicht eitel Sonnenschein an Bord und die
Auseinandersetzungen zwischen Björn und dem alten Bern, der offensichtlich
sein Vater war, wurden immer heftiger.
Silja hingegen
hatte ihre Todesgedanken abgeschüttelt. Plötzlich lag ihr Schicksal klar und
deutlich vor ihr. Sie würde sich an den Mann halten, der ihr in Dunjas
Todesnacht im Sternbild des Bären erschienen war. So hatte Dunjas Traum es
bestimmt und die Gewissheit, dass es eine Zukunft für sie geben würde,
flößte ihr neuen Lebensmut ein. Sie fing wieder an zu essen und begann auf
ihr Äußeres zu achten. Wenn Björn abends zu ihr kam, redete er mit ihr und
allmählich kamen ihr fremdartigen Laute immer vertrauter vor. Als sie gar
versuchte, sie nachzuahmen, erntete sie ein frohes Lächeln von seinem
Gesicht.
Die Männer an
Bord benahmen sich ihr gegenüber inzwischen beinahe zuvorkommend, nicht
zuletzt deshalb, weil sie anfing, sich nützlich zu machen, soweit es ihr
möglich war. Nur dem Anführer der Truppe und dem alten Bern ging sie
möglichst aus dem Weg.
Die letzten
Tage der Reise vergingen schnell und bald legte das große, reich beladene
Schiff an seinen heimatlichen Gestaden an. Björn führte Silja von Bord. Sie
war bereit, diesen fremden Ort als ihre neue Heimat anzunehmen. Doch sollte
ihr Aufenthalt hier nur von kurzer Dauer sein. Sie ahnte nicht, dass sie
schon bald auf eine noch viel weitere Reise gehen würde.
Aufbruch in die Fremde
Lange hatte
Björn gehofft, dass sein Vater doch noch einlenken würde. Schließlich war er
inzwischen ein erwachsener Mann und konnte für sich selbst einstehen. Hatte
er nicht auf der langen Wikingfahrt mutig gekämpft? War er nicht tüchtig und
eingeschickter Handwerker? Bewies er nicht in den Beratungen, dass er einen
klugen Kopf hatte und das Wort wie ein scharfes Schwert gebrauchen konnte.
Warum also sollte er sich nicht sein Leben so einrichten können, wie es ihm
gefiel? Doch immer noch konnte er dem alten Bern nichts recht machen und
noch immer bestand dieser darauf, besser zu wissen, was für den Sohn gut und
richtig war.
Und jetzt auch
noch die Geschichte mit dieser Slawin. Björn hatte das Mädchen einen Tag vor
dem Überfall auf ihr Dorf gesehen und damals war sie noch frei gewesen. Er
sah sie immer noch so vor sich, ihre leichten Bewegungen und ihr
freundliches Lächeln und er wusste, wenn er jemals daran denken konnte, mit
ihr verbunden zu sein, dann konnte dies nur in Freiheit geschehen. Doch der
Vater wollte davon nichts hören. Davon nichts und auch nichts von einer
Heirat seiner Tochter und Björns Schwester Svea mit Arnulf, den er insgeheim
als Hungerleider und Taugenichts beschimpfte. Björn sah für sich keinen
Ausweg mehr. Er musste sich eine andere Heimat suchen und er wollte Arnulf
überreden, ihn zu begleiten. Vielleicht hatten sie ja in der Fremde mehr
Glück und konnten zu Ansehen und Reichtum gelangen. Hier auf dem Hof des
Großbauern Snorrison und unter der Fuchtel des alten Bern würde es ihnen mit
großer Wahrscheinlichkeit jedenfalls nicht gelingen.