Während
Bjørn noch so in sich versunken dastand hörte er plötzlich die junge
Frau nach ihrem Vater rufen. Bjørn kam zu sich und blickte in die
Richtung aus der die Rufe kamen. Gerade noch konnte er erkennen, wie
Arnulf Thorfinnsson, sein Freund und Waffengefährte, die Frau hinter eine
Hütte zerrte. „Heda, Rotauge, lass sie mir!“ rief er und lief hinzu.
„Such dir selber eine!“ brummte Arnulf ihn an. Bjørn überlegte kurz,
wie er Arnulf die Frau abschwatzen könnte, dann grinste er. „Soll ich
Svea erzählen, dass du anderen Frauenzimmern nachgestellt hast? Also,
lass sie mir und ich versprech’ dir obendrein, meinen Alten zu beknien,
dass er dir mein Schwesterchen zur Frau geben soll, wenn wir wieder am
Limfjord liegen.“
Immer
wieder hatte Arnulf Bjørn gebeten, ja angefleht mit dem alten Bern über
Svea und Arnulf zu reden. Bjørn hatte es auch einmal versucht. Bern war
ihm damals so über das Maul gefahren, dass Bjørn wenig Lust auf weitere
Versuche verspürt hatte. Zu alt wäre Arnulf, keine gute Partie wäre er
für Svea und überhaupt solle sich Bjørn lieber Gedanken über seine
eigene Zukunft machen.
All
das ging Bjørn durch den Kopf, als er vor Arnulf stand und über die
junge Slawin verhandelte. Er wusste genau, dass Arnulf nicht ablehnen würde,
so, wie das kleine Blondchen Svea ihn schon um den Finger gewickelt hatte.
Arnulf zögerte noch kurz, dann ließ er die Slawin vor Bjørns Füße
fallen und brummte im Gehen „Da! Werd’ glücklich mit ihr...“. Bjørn
blickte ihm grinsend nach, dann wandte er sich der jungen Frau zu und half
ihr auf. „Ich bin Bjørn und dich werde ich zu meinem Weib machen, wenn
wir zu Hause sind!“. Sprach’s und lud sich die erst verdutzte, dann
wild strampelnde Slawin auf die Schultern.
Als
Björn den Strand erreichte, stand Bern schon am Bug des Langschiffes und
brüllte. „Gut! Noch mehr Sklaven und die wird gutes Silber bringen.
Bist doch manchmal für was gut. Aber was seh’ ich? Schon wieder den
Beulenschädel zum Kämpfen benutzt?“ So und noch anders schallte es Bjørn
entgegen. Noch am selben Abend ging Bjørn
zu Nordolf und bat ihn, ihm die Slawin als Anteil an der Beute zu überlassen.
Er würde auch kein Silber mehr haben wollen. Nordolf willigte, besorgt um
den Frieden an Bord, widerstrebend ein. Er wusste schließlich, was für
ein Geschrei Bern wieder erheben würde. Aber Bjørn hatte tapfer
gefochten, so dass er schlussendlich dessen Bitte nicht abschlagen konnte. Bern erfuhr natürlich schnell davon
und beschimpfte seinen Sohn lauthals: „Wie kannst du deinen Anteil an
der Beute für diese Slawen-Hure verschleudern? Drücken dir die Beulen
jetzt schon auf den Bregen?!?“
Bjørn
beschloss, sein und Arnulfs Anliegen besser bei anderer Gelegenheit
vorzubringen, hoffte er doch, dass sich Bern an den Gedanken gewöhnen würde,
jetzt wo Bjørn Tatsachen geschaffen hatte. Silja,
so hieß die junge Slawen-Frau, ergab sich rasch ihrem Schicksal, so dass
es Bjørn in den Wochen auf See gelang, ihr Vertrauen zu gewinnen, nicht
zuletzt, da er ja ihre Ehre gewahrt hatte. Dadurch ermutigt beschloss Bjørn,
seinen Vater noch auf See anzusprechen. Doch Bern wollte weder von seiner
Hochzeit mit Silja noch von Arnulf und Svea etwas wissen. In altbekannter
Weise polterte er vor versammelter Mannschaft, was sein Sohn doch für ein
Schwächling sei, dass er sich von einer Sklavin die Sinne vernebeln
lasse, und selbst wenn, so müsse man diese doch nicht auch noch zum Weibe
nehmen. Und was seinen Kumpan Arnulf anginge, so solle dieser es nicht
noch einmal wagen die Dreistigkeit zu besitzen, um die Hand von seiner
Tochter anzuhalten.
Auf
diese derbe Weise gedemütigt, und aller ihrer Hoffnungen beraubt
beschlossen Arnulf und Bjørn, sobald sie Lindholm erreicht hätten, ihrer
Heimat den Rücken zu kehren. Svea und Silja wollten sie mitnehmen und in
der Fremde ihr Glück machen.
„Aber
wo sollen wir uns hinwenden?“ fragte Bjørn, „In Jütland kennt der
alte fast jeden Stein mit Namen. Da werden uns alle Türen verschlossen
bleiben.“ „Wie wärs mit Haitabu?“ entgegnete Arnulf, „Als ich das
letzte mal da war, hab ich mit ein paar Kempen gezecht, die von
Marketendertrossen zu berichten wussten, bei deren Bewachung man gutes
Silber ernten kann. Die Frauen können sich bei so einem Tross auch nützlich
machen.“
In
Haitabu angekommen trafen sie auf einen Marketendertross, dem sie sich
anschlossen. Das war vor vier Sommern. Vier Sommer voller Mühsal und
Kampf, aber auch voller Geselligkeit und Heiterkeit im Dienste des
Trosses, mit dem sie noch immer durch die Lande der Slawen, Sachsen und
Friesen ziehen.
Kapitel 2
„So, das wäre
geschafft!“ Arnulf zieht die schwere Schuppentür ins Schloss und dreht den
großen Schlüssel. Kaum ein Geräusch ist zu hören, als der Mechanismus
einrastet. „Gute Arbeit, die uns Udalrich da verkauft hat.“ „Wahrhaftig!
Schade, dass von uns keiner das glühende Eisen bändigen kann. Ist ja ein
gehöriger Batzen Silber, der immer für die Schmiedewaren über den Tisch
geht.“ Björn wischt sich den Schweiß von der kahlen Stirn. „Gut, das wir die
Zelte, Wagen und das Geraffel jetzt winterfest verstaut haben. Ab jetzt
können wir uns all den Dingen widmen, die wir uns für den Winter vorgenommen
hatten...“ Arnulf blickt Björn mit gerunzelter Stirn an. Björn versucht
verzweifelt ernst zu bleiben, doch vergebens. Plötzlich brechen beide in
schallendes Gelächter aus, dass weit über den Hof des Winterquartiers hallt.
„Sag mal Beulenschädel, wie oft haben wir das ‚mach ich im Winter’ dieses
Jahr gehört?“ „Keine Ahnung, Rotauge. Als mir die Finger und Zehen zum
Zählen ausgegangen sind, musste ich damit aufhören.“ Erneut brandet das
Gelächter auf. Plötzlich schallt es vom Langhaus über den Hof zurück:
„Ruhe!! Ihr Nichtsnutze weckt noch die Kleinen auf!“ Aleke steht in der Tür
und schaut teils streng, teils belustigt zu den beiden Kerlen herüber. „Was
ist überhaupt so lustig??? Arnulf, ist das Holz schon gehackt?“ „Mach ich im
Winter...“ Nun gibt es kein Halten mehr. Selbst Aleke muss sich das Lachen
verbeißen und verschwindet kopfschüttelnd aber breit grinsend wieder im
Haus. Björn schnappt nach Luft und jappst „So, Schluss jetzt, sonst wecken
wir die kleinen wirklich noch auf.“...
... die
Kleinen?... Ja, viel hat sich verändert im Tross...
Seit fünf
Jahren zieht der Tross nun schon durch die Lande. Fünf Jahre, in denen
Menschen zum Tross gestoßen sind und Menschen den Tross verlassen haben.
Auch sonst hat sich manches geändert. Aber was war das für ein Jahr für
Silja und Björn...
Alles fing mit
einem Gespräch zwischen Silja und Björn an, dass sie führten, als sie im
vorletzten Sommer mal wieder auf einem staubigen Weg neben den Wagen
dahertrotteten. Sie berieten, warum der Gott oder die Götter ihnen keine
Kinder schenkten, obwohl sie nun schon seit so langer Zeit das Lager
teilten. Im Verlauf des Gespräches bedrängte Björn Silja, ob sie nicht auch
dächte, dass es langsam an der Zeit wäre, den Bund der Ehe einzugehen.
Vielleicht zürnten ihnen die Götter ja deshalb und verweigerten ihnen die
ersehnte Kinderschar. „Ich möchte beide Hände gebrauchen können, um meine
Bälger auf den Arm zu nehmen und nicht eine für den Krückstock brauchen
müssen. Also, lass uns den Bund eingehen.“ brummte Björn. Silja blickte ihn
aus der Tiefe ihrer blauen Augen an und lächelte dann verschmitzt: „Als wenn
ihr Mannsbilder euch groß um die Kinder kümmern würdet. Nur die Dummheiten
bringt ihr ihnen bei. Und außerdem muss ich dir sagen, dass ich mir überlegt
habe, dass ich keinen Heiden heiraten kann, der meinen Vater erschlug!“
sprach’ s und ging.
Björn war vor
Schreck erstarrt. Fast wäre er vom Ochsenkarren hinter ihm überrollt worden,
hätte Tronde ihn nicht laut brüllend aus seiner Starre gerissen. „He, wach
auf Beulenschädel!!! So eine Wagenspur macht sich nicht gut auf deinem
Wams.“
Nun das war neu
für Björn. Fünf Jahre war das mit dem Raubzug auf Siljas Dorf nun her und
nie hatte Silja ihm das in späterer Zeit vorgeworfen. Er war ja auch immer
gut zu ihr gewesen und hatte am Ende ihr Vertrauen gewinnen können. Für
Björn stand es nie in Zweifel, dass sie den Bund eingehen und Kinder haben
würden. Schließlich hat er deshalb mit seinem Vater zerstritten und seine
Heimat am Limfjord verlassen. Silja hatte es auch nie in Zweifel gestellt.
Warum jetzt dieser Sinneswandel?
Abends im Lager
nahm Björn Silja beiseite und fragte sie besorgt, ob ihre Bemerkung
womöglich auch bedeuten würde, dass sie sich einen anderen suchen wolle.
Überraschenderweise grinste Silja ihn nur breit an: „Mannsvolk!! Was habe
ich denn vorhin gesagt?“ „Dass du mit mir nicht den Bund eingehen willst,
weil ich deinen Vater erschlagen habe.“ entgegnete Björn, nun etwas trotzig.
„Nein, dass habe ich nicht gesagt! Ich sagte, ich könne keinen Heiden
heiraten, der meinen Vater erschlug. Daran, dass Du meinen Vater erschlagen
hast, kann ich nichts mehr ändern, aber...“ Silja blickte Björn
erwartungsvoll an. Der aber verstand nun gar nichts mehr. Widerwillig wälzte
er die Worte in seinem Kopf hin und her. Plötzlich dämmerte es ihm. Mit
keinem Heiden... aber das würde ja bedeuten... „Du willst, dass ich mich
taufen lasse?!?“ platzte es voller Entrüstung aus Björn heraus. „Jetzt hast
Du mich verstanden. Sieh es als Blutgeld. Außerdem werde ich keine Heidin.
Welcher Priester oder Gode sollte uns also in die Ehe führen?“ Silja, nun
tief ernst, blickte Björn noch einmal tief in die Augen und ließ ihn
abermals stehen.
Die folgenden
Tage verbrachte Björn mit angestrengtem Nachdenken und Abwägen der Lage.
Auch versuchte er noch einige Male, Silja zu überreden, von ihrem Ansinnen
abzulassen, doch ohne Erfolg.
Eines Tages,
Björn lenkte gerade einen der Ochsenkarren, stießen zwei Krähen wild zankend
aus den Höhen herab. Björn bemerkt sie erst gar nicht, da er mal wieder tief
in Gedanken war. Die Ochsen bemerkten das wilde Geflatter und Gekrächze um
ihre Köpfe herum aber sehr wohl und wurden unruhig. Und da ihr Kutscher
augenscheinlich nichts gegen die Störung zu unternehmen gedachte, versuchten
sie, dem Gelärme auf eigene Faust zu entkommen. Als Björn bemerkte, dass ihm
die Zügel entglitten und die Ochsen in einen Galopp verfielen, war es
bereits zu spät. Der Wagen kam vom Weg ab, glitt eine Böschung herab und
überschlug sich. Sämtliche Waren und Ausrüstungsgegenstände ergossen sich
über Björn und begruben ihn unter sich. Das letzte, was noch in Björns
Bewusstsein drang, war, dass ihn etwas am Kopf traf...
Als Björn die
Augen wieder öffnete, sah er den wolkenlosen Sommerhimmel, unterteilt von
einem riesigen Kreuz. Einen Augenblick später verschwanden die Kreuzbalken
gen Himmel und Björn vernahm durch das Brausen und Hämmern in seinem Kopf
die Stimmen von Thoranor, Thoralf und Arnulf. „Was der immer für ein Glück
hat...“ „Ja, und einen Schädel wie aus Marmor. Die vielen Beulen scheinen
ihm auch nichts auszumachen...“ „Und dennoch hätte der Schädel seine letzte
Beule kassiert, wenn sich das Zeltgestänge nicht über ihm verkeilt hätte.
He, komm zu Dir!!! Es ist noch alles dran. Versuch mal, gerade zu stehen!“
Nun, dass
Geradestehen sollte Björn noch einige Zeit schwer fallen. Auch litt er unter
rasendem Kopfschmerz... bis zum Metgelage am Abend, dass er zur Feier des
Tages abhielt.
Während alle am
Feuer saßen und fröhlich zechten, nahm Björn Silja wieder beiseite. „Fang
nicht wieder an, Björn! Ich werde keine Heidin! Auch nicht nach dem, was
heute passiert ist!“ doch Björn streichelte ihre Hand beschwichtigend.
„Nein, nein. Ich wollte dir nur sagen, dass ich es mir überlegt habe. Das
Leben kann verdammt kurz sein... und um mit dir den Bund zu schließen ist
das Taufen wahrlich ein geringes Opfer... und außerdem bekomme ich so
endlich ein neues Leinenhemd und...“ Der Rest ging in einer stürmischen
Umarmung unter. „Komm, dass müssen wir gleich den anderen sagen!“ Silja war
außer sich. „Ja, geh schon mal. Ich komme gleich nach.“ Als Silja
verschwand, blickte Björn ihr nach. Sicher war sie es wert, sich für sie
taufen zu lassen. Was Björn ihr aber nicht gesagt hatte, war, dass er die
Geschehnisse von heute als Zeichen deutete... die Krähen... das Kreuz... all
das machte es ihm leichter, Siljas Wunsch zu erfüllen.
Das Gejohle war
jedenfalls groß, als Silja und Björn die Neuigkeit verkündeten. Kurzerhand
wurde beschlossen, dass am nächsten Tag hier gerastet werden sollte. Und da
in dieser Nacht kaum geschlafen wurde, war das auch bitter nötig.
Einige Wochen
später, das Laub hing schon rot und gelb in den Bäumen und der Tross war
gerade wieder nach Haitabu gelangt, suchten Silja und Björn sich einen
Priester, um das Nötige für Björns Taufe und die Trauung zu besprechen.
Der Priester,
den sie fanden, war ein rundlicher Mann in den besten Jahren, die Tonsur
sauber rasiert und die Kutte tadellos. Björn wunderte sich ein wenig, wie
ein Priester so wohl genährt sein könne wenn sein Gott doch Enthaltsamkeit
gebot. Nun denn, als der Priester Siljas und Björns Anliegen vernommen hatte
runzelte er die Stirn und lamentierte, dass auch Christ nicht jeden in seine
Herde lassen könne. Denn sicher hätte Björn schwere Schuld auf sich geladen,
wo er doch als Heide und Kempe durch die Lande gezogen sei. Silja starrte
den Geistlichen fassungslos an. „Unser Priester hat mich gelehrt, dass der
Christ die Nächstenliebe und Vergebung gepredigt hat. Wie könnt ihr also
meinem Verlobten die Taufe verweigern?!“ Björn schwieg zunächst und
verfolgte das Schauspiel mit regem Interesse. Irgendwann verzog er das
Gesicht zu einem wissenden Grinsen und gab dann nur zwei Worte von sich:
„Wie viel?“ Silja und der Priester verstummten jäh und starrten Björn an.
Doch während Silja nichts verstand, machte der Priester erst ein beleidigtes
Gesicht, begann dann wieder über Björns schwere Sünde zu lamentieren und
sagte dann: „Mit drei Pfund Silber sollte deine Schuld getilgt sein.“ Ein
furchtbare Gefeilsche hub an und endete bei einem Pfund und 12 Lot Silber
für Taufe und Trauung... Kost und Logis für den Priester nicht eingerechnet.
Zufrieden
verließ Björn die Hütte des Priesters, die zornige Silja im Schlepptau.
„Gut, dass ich Tronde beim Feilschen so oft beobachten konnte. Da kann man
viel lernen. Und nun beruhige Dich. Wir haben heute etwas wichtiges gelernt.
Die Götter mögen unterschiedlich in ihrem Charakter sein. Ihre Priester sind
aber alle gleich.“
Eine Woche
später fand die Zeremonie am Ufer der Schlei, etwas außerhalb von Haitabu
statt. Björn wurde ins Wasser getaucht und getauft. Gleich darauf stand er,
in seinem neuen Hemd aus weißem Leinen und einem silbernen Kreuz aus dem
fernen Island auf der Brust, neben Silja und lauschte den Worten das
Priesters, die die Ehe der beiden besiegelten.
Ein rauschendes
Fest folgte der Zeremonie, in dessen Verlauf reichlich geschmaust und
gezecht wurde. Besonders der Priester tat sich dabei hervor, und niemand,
der ihm dabei zusah wunderte sich noch über dessen Rundlichkeit.
Ungefähr neun
Monate später...
Wieder einmal
zog der Tross in sengender Sommerhitze über staubige Straßen. Silja, deren
Bauch inzwischen kugelrund war, saß bei Tronde auf dem Wagen, da ihr das
Laufen inzwischen sehr schwer fiel. Björn, der kaum noch von ihrer Seite
wich, schaute teils stolz, teils besorgt auf sein Weib. Silja hatte ihm in
den letzten Tagen öfter von leichtem Ziehen im Bauch berichtet, wenn sie
abends in ihrem neuen Zelt lagen und fühlten, wie das Kind im Bauch
strampelte „Sitzt du auch bequem? Soll ich Dir noch ein Fell holen? Geht es
Dir gut? Soll ich dir einen Becher Wasser holen?“ „Björn, beruhige Dich. Mit
Silja ist alles in bester Ordnung. Sie ist ein starkes Frauenzimmer. Und vor
allem ist sie in besten Händen, wenn es soweit ist.“ Freya lief hinter
Björn. Sie war eine von denjenigen, die neu zum Tross gestoßen waren. Sie
kannte sich hervorragend in der Heilkunde und mit Kräutern aus und war nicht
nur deshalb ein echter Gewinn für den Tross. Konnte Björn doch schon kaum
noch die Male zählen, die Freya seine oder die Wunden anderer Trosser
verbunden hatte. Auch Bedürftige, auf die der Tross unterwegs traf, blieben
nicht unversorgt. Und als Aleke und Thoranor ihr Kind erwarteten half Freya
auch der kleinen Erin auf die Welt. Nun, wenn Freya sagte, dass alles in
Ordnung wäre, dann sollte das wohl stimmen. Also verließ Björn seinen Posten
bei Silja, griff sich Schild und Helm und ging, um sich dadurch abzulenken,
dass er die Vorhut übernahm.
Früh am
nächsten Morgen wurde er dadurch geweckt, dass Silja ihn sanft berührte und
ihm ins Ohr flüsterte: „Werd langsam wach. Du musst Freya holen.“ Dann
drehte sie sich wieder auf den Rücken und begann tief zu atmen. Björn wusste
erst nicht so recht, ob er geträumt hatte. Doch dann sickerten Siljas Worte
langsam in sein Bewusstsein und hallten dort nach ... Freya holen... Freya
... holen... . Plötzlich war Björn hellwach, griff sich seine Hose und
stürmte aus dem Zelt. Panisch hastete er durch das Lager und rannte dabei
durch die, zum Glück halbwegs erkaltete Feuerstelle, stieß sich den nackten
Fuß am Kessel und knallte mit dem Kopf mal wieder gegen das
gemeinschaftliche Vorzelt. „Freya, Freya!“ brüllte er, vor ihrem Zelt
angekommen. „Silja sagt, ich soll dich schnell holen!“ Binnen weniger
Augenblicke war nicht nur Freya sondern der gesamte Tross auf den Beinen.
„Schnell, trag mir meine Kräutertruhe zu euch ins Zelt!“ befahl Freya Björn
und eilte voraus.
Auf dem Weg
ergriff sie Thoralf und trug ihm auf, im Kessel heißes Wasser zu bereiten.
Als Björn mit
Freyas Truhe sein Zelt erreichte stellte er diese neben das Bett und wollte
dem Trubel um seine Lagerstatt zuschauen, doch Freya und Algrid, die auch
hinzugeeilt war, warfen ihn sprichwörtlich aus seinem Zelt. Verdutzt blickte
er in die Gesicherter der anderen, die sich inzwischen eingefunden hatten
und nun gespannt der Dinge harrten, die da kommen sollten. Dann begann er
plötzlich wie ein Bär vor seinem Zelt auf und ab zu laufen.
Als sich nach
einer Weile nichts tat, außer, dass man Stöhnen und aufmunterndes Gemurmel
aus dem Zelt hörte, verteilten sich die Trosser wieder, natürlich bis auf
Björn, und begannen, die üblichen Dinge des Morgens zu verrichten.
Irgendwann kam Arnulf zu Björn „Komm doch frühstücken.“ „Keinen Hunger.“
brummte Björn zur Antwort. Und so ging es jedem, der versuchte, Björn
abzulenken. Man hörte nur „Keine Lust.“ „Keinen Durst.“ „Bin nicht müde.“
oder gar „Lass mich!“. Bald ließ man ihn einfach seine Bahnen ziehen.
Als die Nacht
hereinbrach lief Björn immer noch auf und ab. Das leise Stöhnen im Zelt war
schon vor geraumer Zeit einem urtümlichen Brüllen gewichen, doch irgendwie
schien es nicht voranzugehen. Zwischenzeitlich hatte Freya heißes Wasser
gefordert, weil sie für Silja einen kräftigenden Tee brauen wollte. Sie
versuchte, Zuversicht auszustrahlen, konnte aber eine gewisse Besorgnis
nicht verbergen. Björn hatte das mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Da er
aber nichts tun konnte, zog er eben weiter seine Bahnen.
Plötzlich war
außer Schnaufen und einem hektischen Rascheln im Zelt nichts mehr zu hören.
Die Stille war geradezu gespenstisch und alle im Lager hielten den Atem an.
Quälende Sekunden lang geschah nichts. Dann war das kräftige Stimmchen eines
Neugeborenen zu hören, dass seiner Entrüstung über die überstandenen
Anstrengungen Luft machte. Algrid schlug die Zelttür beiseite und reichte
Björn ein kleines Bündel. „Es ist ein Mädchen!“ sagte sie, aber in ihrer
Stimme schwang Ernst mit. „Nimm sie. Wir müssen uns noch um Silja kümmern.
Für sie war es nicht leicht.“ sagte sie und klappte das Zelt wieder zu.
Björn blickte
in das Bündel, aus dem ihn kleine, wache Äuglein aufmerksam musterten. „Du
bist das also. Nun, willkommen in der Welt, kleines! Ich hoffe nur, dass Du
auch deine Mutter kennen lernst. Möge Christ ihr helfen!“ das waren die
ersten Worte an seine Tochter. Die anderen waren inzwischen zu Björn
gekommen um ihm Gesellschaft zu leisten und das Kind zu begrüßen. „Wie soll
meine Nichte denn heißen?“ fragte Svea. „Silja und ich hatten besprochen,
dass sie Marit heißen soll, wie unsere Großmutter. Marit Björnsdottier!
Björns kleine Perle.“
Als sie da so
standen kam Freya aus dem Zelt. Blut klebt an ihrem Kleid. „Gib mir die
kleine. Sie braucht ihre erste Milch. Und Silja bekommt danach einen Tee,
damit sie gleich schlafen kann. Morgen sieht dann wieder alles ganz anders
aus. Wie ich schon sagte, Silja ist ein starkes Frauenzimmer. Das hat sie
aber auch gebraucht, denn Marit hat es Silja und sich selbst nicht einfach
gemacht. Jetzt wird aber alles gut.“ Sie nahm Björn das Bündel ab und
verschwand wieder im Zelt.
Das war die
Nachricht, auf die alle gewartet hatten. Nun hob großes Hallo und
Beglückwünschen an. Björn wurde an das Feuer geführt und Met und Bier
flossen in Strömen bis in den frühen Morgen.
Silja erholte
sich schnell von den Strapazen der Geburt und Marit wuchs, gedieh und
bereitete ihren Eltern viel Freude. Mit Erin, Marit und Falco wuchs im Tross
nun also bereits die nächste Generation heran.
... ja, ja die
Kleinen... viel hat sich verändert im Tross...
Ein wüster
Knuff holt Björn in die Gegenwart zurück, als Arnulf Björn zum Hauklotz
zieht. „Träumst Du?!? Ich muss Holz hacken und Herr Bernsson bohrt große
Löcher in die Wolken! Hilf mir gefälligst und schichte die Scheite auf. Ich
will noch was schaffen in diesem...“ „... Winter.“ ergänzt Björn lachend,
aber nicht minder bereitwillig.