|
| |
|
Arnulf Thorfinnsson
|
|

|
Leise
fluchend wische ich mir den Schweiß aus dem Gesicht. Es war zwar schon
weit nach Mittag, aber die Sonne steht noch hoch am Himmel. Ich trotte
voll gewappnet an der Spitze des Zuges entlang, während mir das
Tagesgestirn auf den Helm brennt. Die Gespräche sind verstummt, die bedrückende
Hitze macht alle schläfrig. Wir sind wieder einmal auf dem Weg nach
Haithabu.
Meine Gedanken eilten den
Weg voraus zu dieser großen Handelsstadt. Ich würde dort hoffentlich die
Gormsssöhne, die Brüder meines Vaters wiedersehen, sie lebten dort als
kleine Handwerker und Händler, ich hatte viel von ihnen gelernt.
Vielleicht würde die Zeit auch reichen meinen Vater, Thorfinn Gormsson,
genannt der Krugschäumer, auf seinem Hof zu besuchen und Bruder und
Schwester zu begrüßen. Ich
werfe noch einen Blick in die Runde, es sind natürlich keine Spuren von
Wegelagerern und möglichen Hinterhalten zu sehen. Trondes Sorge ist mal
wieder völlig unbegründet und die Gerüchte der anderen Händler wohl
falsch gewesen, aber dies sichert uns unseren Anteil am Silber. Sind doch
Björn und ich für den Schutz des Trosses verantwortlich.
|
|
Noch
weiter schweiften meine Gedanken in die Vergangenheit. Björn Bernsson
hatte ich in Haithabu getroffen, das war einige Jahre, nachdem ich des
Vater Hof in Misunde verlassen hatte. Thorfinn
Krugschäumer war ein kleiner Freibauer, sein Hof an der Schlei warf
gerade genug ab, um ihn und meine Geschwister zu ernähren. Seine jüngeren
Brüder, fünf an der Zahl, zogen deshalb nach Haithabu, um dort ihr
Silber zu verdienen.
Während
des Julfestes, das die Familie in Misunde feierte und nach einigen Krügen
Bier, fragte mich mein Vaterbruder Thorralf der Graubärtige: „Arnulf,
was willst Du Dir den Buckel krumm schuften auf Thorfinns Hof, den doch
nur Dein älterer Bruder erben wird? Unsere Sippe ist zahlreich und wir
Gormssöhne leben gut in der Handelsstadt. Begleite uns nach Haithabu,
dort kannst Du unsere Handwerke erlernen, oder wenn es Dir besser gefällt,
kannst Du dort auch leicht ein Schiff finden, das noch einen Schwertarm
gebrauchen kann.“.
Ich
willigte ein, Vater schenkte mir sein altes Schwert „Schildkerber“ und
war froh, im Winter einen Esser weniger zu haben. So ging ich denn mit
meinen Vaterbrüdern und lebte zwei Jahre bei ihnen, lernte Leder zu
verarbeiten und Truhen zu bauen. Doch oft stand ich am Hafen und sah den
Knorren der Händler zu und bewunderte die Langschiffe der Seeschäumer.
Welche fernen Ufer diese wohl erreichen mochten, das Frankenland,
Ängelland, oder gar das ferne Reich der Rus? Oft prahlten diese Krieger
mit ihrem Silber
und ihren großen Taten, wenn sie im Hafen zechten. Bei solch einer
Gelegenheit traf ich Björn Bernsson. Am Nachmittag war ein Langschiff mit
prächtig beschnitztem Steven in den Hafen gekommen, allerdings waren
einige der Ruderplätze leer. Ein Kerl wie ein Bär kletterte als einer
der ersten von Bord, er hatte einen Lumpen um seinen Schädel gebunden,
der von Blut getränkt war. Der Kerl rief mir zu: „Heda! Wo kriegen wir
ordentliches Bier und fettes Schweinefleisch, wir wollen feiern!“
|
|

|
Neugierig
auf die Geschichten, die wohl zu erzählen sein würden bot ich ihm an,
ihn und die restlichen Männer zu den richtigen Marktbuden zu begleiten.
Nach einer durchzechten Nacht voller erzählter Heldentaten und
vorgezeigtem Beutegut war ich entschlossen, dem Bernsson auf
das Langschiff seines Großbauern zu folgen. Voll Aussicht auf
Reichtümer verabschiedete ich mich von den Gormssöhnen
und zwei Tage später verließen wir mit vollen Ruderbänken den
Hafen. Im nun folgenden Sommer wurden Björn und ich Freunde und Waffengefährten
und machten so manchen Strandhieb entlang der Ostseeküste. |
|
„
He, Rotauge, träumst Du schon wieder? Achte lieber auf den Weg!“, so dröhnt
Björns Stimme in meine Gedanken. Verflucht, daran wollte ich nicht
dauernd erinnert werden. „Rotauge“, das werde ich wohl nicht wieder
los. Wir dachten schon den gesamten Widerstand der Bewohner eines
slawischen Dorfes überwunden zu haben und ich betrachtete von oben das
Dorf auf der Suche nach Raubgut, als mich doch der Steinwurf eines Knaben
von der hölzernen Brustwehr warf, auf der ich stand. Keine
Frage wo der Stein traf! „Bleib
lieber hinten und pass dort auf, Beulenschädel, heute musst Du den Staub
des Trosses schlucken“ frotzle ich zurück und ernte dafür ein schräges
Grinsen. |

|
|
In
den folgenden Jahren lehrten wir im Sommer so manches Dorf das Fürchten
und zogen im Winter das Langschiff stets am Limfjord auf die Rollen. Dort
gastete ich, wie auch die meisten der anderen Männer, beim Großbauern
Nordolf in Lindholm, welcher auch das Langschiff befehligte. Dort lebte
auch Svea, Björns kleine Schwester. Schon im zweiten Winter warb ich bei
ihrem Vater, dem alten Bern, um seine Tochter. Svea, diese Frau und keine
andere wollte ich zum Weibe und auch sie machte keinen Hehl aus ihren Wünschen.
Doch der alte Bern war ein furchtbarer Dickschädel, hatte er sich doch in
den Kopf gesetzt, seine Tochter besser zu verheiraten und so oft ich ihn
deswegen anging, so war seine Antwort doch stets ein „Nein!“. Dabei
war mein Anteil an den Beutefahrten nicht gering, nicht wenig an Silber,
ja sogar eine fränkische Klinge und eine eherne Brünne waren inzwischen
mein. Auch
Björn konnte mir nicht helfen, nachdem er seinen Vater auch noch durch
die geraubte Slawin Silja verärgert hatte, die er unbedingt zum Weibe
nehmen wollte. So blieb nur eins, ich musste Svea rauben. Björn und ich
kamen überein, uns mit den Weibern davonzumachen und ich schwor bei Thor
jeden Mann niederzuhauen, der uns aufhalten
wollte und mögen es die Nornen geben, das Dein Vater sich uns nicht in
den Weg stellt. |
|

|
Glücklich
verließen wir den Hof ohne Kampf und fanden eine Knorre am Limfjord, die
noch so spät im Jahr ausfuhr.
Im
Frühjahr schlossen wir uns als Bewachung einem Handelstross an, den uns
Thorralf der Graubärtige empfahl. Auch er beförderte seine Waren
manchmal auf dem Landwege und hatte schon öfter mit diesem Tross Handel
getrieben. Plötzlich
läuft Svea neben mir her, die Sonne beginnt schon zu sinken. „Hier
Arnulf, ich habe Dir einen Schlauch Wasser vom Wagen gebracht“, Svea hängt
sich bei mir ein und ich trinke einen Schluck. „Tronde meint wir sollten
demnächst rasten, alle sind müde“ sagt Svea. Ich
freue mich schon auf das Lagern. Wie schon in den vergangenen vier Jahren
zuvor, in denen wir gemeinsam kämpften, reisten und Handel trieben würden
wir zusammen essen, lachen und Methörner leeren. Ein
„Oh nein!“ entringt sich mir und ich rufe zu Björn zurück, „Hast
nicht eigentlich Du heute die Nachtwache?“
|
|